Vor ein paar Tagen habe ich ein Interview gehört, das mich nachhaltig beschäftigt hat: Christian Underwood war im Podcast „Hoffnung ist keine Strategie“ bei Martin Orthen zu Gast und sprach über den fehlerhaften Einsatz von Künstlicher Intelligenz in vielen Unternehmen.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs war die Beobachtung, dass KI in Organisationen häufig als reines Kostensenkungsinstrument eingesetzt wird. Solche Programme führen jedoch nicht selten dazu, dass wertvolles implizites Wissen verloren geht. Stattdessen, so Underwood und Orthen, muss KI strategisch und prozessorientiert in die Organisation integriert werden. Es geht nicht darum, bestehende Strukturen einfach effizienter zu machen, sondern sie grundlegend weiterzuentwickeln.
Ein entscheidender Erfolgsfaktor ist dabei die Sensibilisierung der Mitarbeitenden. Martin Orthen betont, dass die bloße Bereitstellung von Tools wie ChatGPT keine echte Veränderung bewirkt. Technologie allein verändert keine Organisation – Menschen tun es. Um die Belegschaft erfolgreich mitzunehmen, müssen Unternehmen Ängste ernst nehmen, aktiv adressieren und Vertrauen aufbauen. Ein wesentliches Hindernis für den KI-Einsatz sind die Sorgen vieler Mitarbeitender, sich durch KI selbst überflüssig zu machen. Diese Ängste dürfen nicht ignoriert oder kleingeredet werden. Vielmehr braucht es ein klares Narrativ: Warum ist KI für das Unternehmen wichtig? Welche Veränderungen bringt sie mit sich? Und welche Rolle spielen die Mitarbeitenden in dieser neuen Realität? Ziel muss es sein, sie zu aktiven Gestaltern des Wandels zu machen – nicht zu passiven Betroffenen.
Darüber hinaus wurde im Gespräch deutlich, dass KI weit mehr ist als nur ein weiteres Werkzeug. Sie greift das Fundament klassischer Geschäftsmodelle an – insbesondere im Beratungsumfeld. Die zentralen Gründe dafür sind:
Effizienz-Paradoxon
Berater rechnen traditionell nach Tagessätzen ab. Wenn sie dank KI deutlich schneller zu Ergebnissen kommen, sinkt ihr Umsatz pro Projekt – obwohl die Qualität für den Kunden gleich bleibt oder sogar steigt. Effizienzsteigerung wird so zum wirtschaftlichen Nachteil.
Automatisierung von Expertenwissen
Beratung basiert seit jeher auf über Jahre aufgebautem Wissen. KI kann heute große Teile dieses Wissens sowie die damit verbundene Fleißarbeit – etwa Datenrecherche oder Marktanalysen – übernehmen. Die Zahlungsbereitschaft für rein manuelle Analysetätigkeiten nimmt dadurch massiv ab.
Wegfall der Projekt-Anbahnungsphasen
Tools wie „Nava“, entwickelt von Orthen und seinem Unternehmen 55BirchStreet GmbH, ermöglichen es Kunden, die ersten fünf bis zehn Tage eines Beratungsprojekts – also die Phase der Problemdefinition und -strukturierung – selbstständig mithilfe von KI zu leisten. Für Berater entfallen damit lukrative Einstiegsphasen.
Das Bench-Problem
Große Beratungshäuser stehen vor der Frage, was sie mit ihren zahlreichen Beratern auf der „Bench“ tun sollen, wenn KI-Systeme Aufgaben schneller und mit deutlich weniger Personal erledigen können.
Verschiebung hin zur Technologie-Logik
Während klassische Beratung Zeit verkauft, gewinnen Unternehmen an Bedeutung, die mit technologiebasierten Verrechnungsmodellen arbeiten – etwa Software-as-a-Service, Pauschalpreise oder KI-gestützte Analyseprodukte.
Die Konsequenz daraus ist klar: Um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Beratungsunternehmen den Schritt von der Zeitabrechnung hin zum Value-based Consulting gehen. Vergütet wird dann nicht mehr der Aufwand, sondern der geschaffene Mehrwert und das erzielte Ergebnis.
Fazit
Das Gespräch macht deutlich, dass wir uns von der Logik der reinen Zeitabrechnung lösen müssen. Im KI-Zeitalter braucht es einen echten AI-First-Mindset-Shift: weg von oberflächlicher Tool-Nutzung, hin zu einer strategischen Neuausrichtung der eigenen Wertschöpfung. Nur so lassen sich die Potenziale von KI nachhaltig und sinnvoll nutzen.
