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Wenn Aufschieben teuer wird – Prokrastination in der Steuerberatungsbranche

Kürzlich stieß ich auf einen Werbespot von Liven auf YouTube. Das Unternehmen hat aus einem alltäglichen Verhalten ein Geschäftsmodell gemacht: Prokrastination. Nach einem Selbsttest wird ein individueller Plan entwickelt, der dem Abonnenten über eine App täglich in Form eines spielerischen Ansatzes Impulse liefert, um den eigenen „inneren Schweinehund“ zu überlisten.

Auch wenn die Bewertungen zu dem Angebot eher kritisch sind, trifft es einen wunden Punkt: Wir alle schieben Dinge auf, die unangenehm, komplex oder unbequem sind.

Was ist Prokrastination?

Prokrastination bedeutet das systematische Aufschieben von anstehenden Aufgaben, obwohl man weiß, dass sie wichtig oder dringend sind. Anders als Faulheit ist sie oft mit einem inneren Konflikt verbunden: Man möchte eigentlich handeln, findet aber immer wieder Gründe, es nicht zu tun – sei es wegen Überforderung, Angst vor Konsequenzen, Perfektionismus oder schlicht der Hoffnung, das Problem möge sich von selbst lösen.

Auch in der Steuerberatungsbranche sehe ich dieses Verhalten regelmäßig. In den letzten Wochen hatte ich mehrere Gespräche mit Kanzleiinhaberinnen und -inhabern, die – auf sehr unterschiedliche Weise – in der Prokrastinationsfalle stecken.

Fall 1: Der späte Wunsch nach einem Kanzleiverkauf

Zwei 70-jährige Steuerberater stehen plötzlich unter Druck. Sie wollen ihre Kanzlei verkaufen – und zwar möglichst sofort. Doch ein Kanzleiverkauf ist kein spontanes Projekt. Es braucht Planung, Struktur, Kommunikation und Zeit. Der ideale Nachfolger steht selten schon bereit, und auch die eigene Vorbereitung (Dokumentation, Übergabeprozess, Bewertungsgrundlagen) braucht Monate, oft Jahre. Dieses Vorhaben wurde über lange Zeit aufgeschoben – jetzt herrscht Hektik, verbunden mit der Sorge, dass es vielleicht zu spät sein könnte.

Fall 2: Mitarbeiterkündigungen mit Ansage

Eine Kanzleiinhaberin spürt, dass die Stimmung im Team kippt. Mitarbeiter äußern Unzufriedenheit, es fehlt an klaren Strukturen, zu viele Mandate werden aufgenommen, ohne die vorhandenen Kapazitäten realistisch zu prüfen. Interne Gespräche finden nicht oder nur halbherzig statt. Die ersten beiden Leistungsträger kündigen – eine Kettenreaktion droht. Auch hier wurde das Unwohlsein lange wahrgenommen, aber nicht aktiv angegangen. Das „sich nicht darum kümmern“ ist bequem – bis es plötzlich richtig weh tut.

Fall 3: Keine Zeit für Honoraranpassungen

Viele Kanzleien wissen, dass sie ihre Leistungen unter Wert abrechnen. Trotzdem werden notwendige und gerechtfertigte Honoraranpassungen aufgeschoben. Die Argumente gleichen sich: „Ich will meine Mandanten nicht verärgern“, „Der richtige Moment kommt noch“ oder „Ich müsste erst mal sauber durchkalkulieren“. Dabei geht es um mehrere tausend Euro pro Monat – Geld, das für Personal, Digitalisierung oder einfach mehr wirtschaftliche Stabilität dringend gebraucht wird.

Warum schieben wir so oft auf – und was hilft?

Prokrastination ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil: Viele Kanzleileitungen sind hochengagiert – aber oft auch stark eingebunden im operativen Geschäft, emotional verstrickt oder schlicht überfordert mit der Menge an Entscheidungen. Das Aufschieben verschafft kurzfristig Erleichterung, langfristig aber wird das Problem größer – und schwerer zu lösen. Was hilft?

  • Klarheit über Prioritäten: Was ist dringend UND wichtig? Wo liegen die größten Risiken?
  • Externe Begleitung: Ein neutraler Blick von außen kann helfen, blinde Flecken zu erkennen und konkrete Schritte zu definieren.
  • Verbindliche Termine und Strukturen: Wenn Entscheidungen einen Rahmen bekommen, sinkt die Gefahr des Wegdriftens.
  • Mut zur Imperfektion: Besser eine gute Entscheidung heute als eine perfekte Entscheidung nie.

Fazit

In der Steuerberatungsbranche – wie in vielen anderen – sind es oft nicht die fachlichen Herausforderungen, die Kanzleien ausbremsen, sondern die aufgeschobenen, unangenehmen Entscheidungen im Hintergrund. Prokrastination kostet Energie, Geld – und im schlimmsten Fall gute Mitarbeiter und die Zukunftsfähigkeit der Kanzlei.


Über format C: consulting

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